
Was ist Catfishing?
Catfishing bezeichnet die Praxis, bei der eine Person online eine falsche Identität erstellt, um andere zu täuschen oder in eine Beziehung zu verwickeln. Diese Täuschung kann aus verschiedenen Gründen erfolgen, einschließlich emotionaler, finanzieller oder krimineller Absichten. Der Begriff „Catfishing“ wurde durch den gleichnamigen Dokumentarfilm von 2010 und die darauf basierende TV-Serie „Catfish: The TV Show“ populär. In dieser Serie werden die Geschichten von Menschen erzählt, die glauben, online eine romantische Beziehung mit einer Person aufgebaut zu haben, die sich später als jemand völlig anderes herausstellt.
Theorien der Selbstinszenierung online versus offline
Die Selbstdarstellung im Internet unterscheidet sich oft erheblich von der Darstellung im realen Leben. Online-Kommunikation bietet eine Reihe von Möglichkeiten zur Selbstdarstellung, die im „echten Leben“ nicht vorhanden sind. Forscher wie Walther und Parks haben argumentiert, dass die asynchrone Natur der Online-Kommunikation es den Nutzern ermöglicht, ihre Nachrichten sorgfältig zu bearbeiten und dadurch eine idealisierte Version ihrer selbst zu präsentieren.
Im digitalen Raum existieren keine unmittelbaren sozialen Normen, die das Verhalten einer Person beeinflussen könnten, wie es im persönlichen Kontakt der Fall ist. Diese Flexibilität führt dazu, dass Individuen unterschiedliche Identitäten ausprobieren können, was von manchen als eine Art „soziales Labor“ betrachtet wird. Während einige Personen die Möglichkeit zur Selbstinszenierung nutzen, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen, gibt es andere, die eine völlig falsche Identität erschaffen, wie es beim Catfishing der Fall ist (Walther, J. B., Parks, M. R. (2002)).
Typische Fälle von Catfishing – Wie sieht ein typischer Tathergang aus?
Ein typischer Catfishing-Fall beginnt oft mit einer zufälligen Freundschaftsanfrage auf sozialen Netzwerken wie Facebook. Der Täter, der sich hinter einer falschen Identität versteckt, baut langsam Vertrauen auf, oft über Monate oder sogar Jahre. Während dieser Zeit stellt der Täter eine emotionale Bindung her und manipuliert das Opfer, indem er seine Zuneigung vortäuscht. In vielen Fällen fordert der Täter schließlich Geld oder intime Fotos vom Opfer, die er später für Erpressungszwecke nutzen kann (Fullwood, C., Attrill-Smith, A. (2018)).
Eine klassische Darstellung eines solchen Falls findet sich in der Reality-TV-Serie „Catfish: The TV Show“, wo das Team versucht, die Wahrheit hinter den Online-Beziehungen aufzudecken. Die Täter erklären oft, dass ihre Handlungen durch persönliche Unsicherheiten oder emotionale Probleme motiviert waren, was zeigt, wie komplex die Gründe für das Catfishing sein können.
Catfishing findet man in den unterschiedlichsten Lebensbereichen, sei es auf Dating-Plattformen zum Zwecke einer vorgetäuschten Liebesbeziehung (Siehe auch die Phänomene des Romance Scamming.) Oder anderer Motive, um Menschen zu manipulieren.
Motive der Täter_innen
Die Motive für Catfishing sind vielfältig. Einige Täter_innen sind auf der Suche nach emotionaler Erfüllung, die sie in ihrem realen Leben nicht finden. Andere nutzen Catfishing für finanzielle Gewinne oder als Mittel zur Rache. In vielen Fällen sind die Täter_innen Personen mit geringem Selbstwertgefühl, die durch die Schaffung einer idealisierten Identität online ein Gefühl von Macht und Kontrolle erleben (Walther, J. B., Parks, M. R. (2002)).
Darüber hinaus kann das Gefühl der Anonymität im Internet das moralische Empfinden der Täter_innen dämpfen. Die Fähigkeit, eine falsche Identität zu erstellen, ermöglicht es ihnen, ihre Handlungen von den Konsequenzen zu trennen, was die Hemmschwelle für betrügerisches Verhalten weiter senkt. In der Tat sehen sich einige Täter_innen selbst als Opfer, die durch ihre Täuschung lediglich versuchen, persönliche Probleme zu bewältigen. (Lovelock, M. (2016))
Bekannte fälle aus den Medien: „Rollstuhl-Bloggerin „Jule Stinkesocke“ war Fake: Warum fällt es Menschen so schwer zu akzeptieren, dass sie getäuscht wurden?“ vom Tagesspiegel, Sebastian Leber, 12.04.2023
Der Artikel behandelt den Fall der Bloggerin „Jule Stinkesocke“, die als Rollstuhlfahrerin bekannt wurde, sich jedoch als fiktive Figur einer nicht behinderten Frau herausstellte. Als die Täuschung aufflog, waren viele Menschen schockiert und hatten Schwierigkeiten, die Wahrheit zu akzeptieren. Der Artikel erklärt, dass es psychologisch schwer fällt, Täuschungen anzuerkennen, weil Menschen emotional in die Geschichte investiert waren und sich der Wahrheit nur ungern stellen.
Auswirkungen auf die Opfer
Die Auswirkungen von Catfishing auf die Opfer können verheerend sein. Emotionale Schäden, wie Gefühle der Demütigung, des Verrats und des Vertrauensverlusts, sind häufig. Opfer berichten oft von langfristigen psychologischen Folgen, einschließlich Depressionen und Angstzuständen. Darüber hinaus können finanzielle Verluste erheblich sein, insbesondere wenn das Opfer dem Täter Geld oder wertvolle Informationen zur Verfügung gestellt hat.
In einigen Fällen führt die Erfahrung dazu, dass das Opfer das Vertrauen in zukünftige Beziehungen verliert, sowohl online als auch offline. Die Öffentlichkeit konzentriert sich oft auf die sensationellen Aspekte von Catfishing, doch die psychologischen und sozialen Folgen für die Betroffenen sind tiefgreifend und können jahrelang anhalten (Lovelock, M. (2016)).
Wie kann man sich schützen?
Um sich vor Catfishing zu schützen, ist es wichtig, wachsam zu sein und gesunden Menschenverstand anzuwenden. Eine der effektivsten Maßnahmen ist es, vorsichtig mit den persönlichen Informationen umzugehen, die online geteilt werden. Es ist ratsam, verdächtige Freundschaftsanfragen abzulehnen und vorsichtig zu sein, wenn jemand zu schnell eine tiefe emotionale Bindung aufbauen möchte.
Außerdem sollte man skeptisch gegenüber Personen sein, die sich weigern, über Videoanrufe zu kommunizieren oder sich persönlich zu treffen. Einfache Maßnahmen wie die Überprüfung der Online-Präsenz der Person durch umgekehrte Bildersuche können ebenfalls hilfreich sein. Letztlich ist das Bewusstsein für die Risiken und das Erkennen der Anzeichen von Catfishing der beste Schutz gegen diese Form des Betrugs.
Quellenverzeichnis
- Fullwood, C., Attrill-Smith, A. (2018). Special Issue on Constructing the Self Online. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking.
- Leber, S. (2023). Rollstuhl-Bloggerin „Jule Stinkesocke“ war Fake: Warum fällt es Menschen so schwer zu akzeptieren, dass sie getäuscht wurden?, Tagesspiegel, 12.04.2023.
- Lovelock, M. (2016). Catching a Catfish: Constructing the “Good” Social Media User in Reality Television. Television & New Media.
- Walther, J. B., Parks, M. R. (2002). Cues Filtered Out, Cues Filtered In: Computer Mediated Communication and Relationships. In G. R. Miller (Ed.), The Handbook of Interpersonal Communication (3rd ed.). Sage.